Raimund Girke
Zum 70. Geburtstag

Anlässlich des 70. Geburtstags des Künstlers schreibt Georg Imdahl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

"Raimund Girke legt seit vierzig Jahren eine Haltung an den Tag, die selten geworden ist. Mut zur Langsamkeit. Seine Beharrlichkeit bekundet sich nicht nur in einer begrenzten Farbskala von Grau- und Weißtönen, sie vermittelt auch die Einsicht, dass das Ausformulieren einer eigenen Sprache angemessene Lebenszeit beansprucht, die sich der Künstler durch nichts streitig machen lassen darf. Mit dieser Maxime kann Girke auch heute noch jüngere Maler bestärken, die sich in der sprunghaften Kunstszene nicht gleich behaupten. Das Unverwechselbare und Eigene zählt, das "Zurückgehen auf die Fundamente einer Grundhaltung", wie Girke es nennt, nicht der rasche Erfolg. Sein Werk, das sich ohne stilistische Brüche, wohl aber in ständiger Differenzierung entwickelt hat, gleicht einer intensiven Recherche über die Farbe und ihr Licht.

Raimund Girke erhob in den siebziger Jahren die Forderung, der "totalen Überflutung mit Reizen die ruhigen, stillen, reduzierten Sachen gegenüberzustellen und den Betrachter wieder zu einer Konzentration zu führen". Mit seinen Bildern suchte er die "Unruhe, die jeder in sich trägt", zu kanalisieren und eine "kontemplative Haltung " zu fördern. Reduktion bedeutet für Girke, visuellen Reichtum des Einfachen sichtbar zu machen.

In der Farbe Weiß, der "Königin der Farben", sieht Girke "kontinuierliche Bewegung und damit Leben", "dimensionslosen Raum, immateriell, reine Energie". Anders als die Künstler der "Zero"-Gruppe - Otto Piene, Günther Uecker und Heinz Mack - bekannte Girke sich stets zur Tradition der Tafelmalerei. Girke ist kein Erfinder unkonventioneller Bildelemente wie Gerhard Hoehme, er schwelgt nicht in der Farbe wie Gotthard Graubner, und er ist schließlich auch nicht von bildreflexiven Zielen geleitet wie der Amerikaner Robert Ryman, der seit langem der Einheit von Farben, Bildträger und Wand nachspürt. Sein Augenmerk gilt allein dem innerbildlichen Geschehen.

Unverkennbar ist die Bedeutung , die Girke für die "radikale" und "fundamentale" Malerei seit den achtziger Jahren in Deutschland gespielt hat. Schon in den Sechziger Jahren bemerkte Albert Schulze Vellinghausen, dieser Maler "schreibe " Bilder. Der persönliche Duktus ist bei Girke in seriellen, strukturellen Ordnungen aufgehoben, doch sind diese latent systematischen Gefüge durch feinfühlige Valeurs individualisiert. Diese Spannung zwischen Nüchternheit und Emotion prägt das Werk Raimund Girkes, der heute siebzig Jahre alt wird."

Anlässlich seines Geburtstags zeigt das Kunstmuseum Heidenheim seine jüngsten Bilder.

Zur Ausstellung liegt ein Katalog vor.


Endlos-Strom, 1999
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 


Aufbrechendes Licht, 1998
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016